Kiez-Report Februar 2012: Seite 1
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Ziegen in Köpenick
Große Geschichte wird woanders geschrieben, aber die vielen kleinen Geschichten, die das Leben schreibt, finden oft genau vor unserer Nase statt, und viel zu selten macht sich jemand die Mühe, diese aufzuschreiben.
Bei Kaffee und Kuchen sitze ich bei Sohn und Schwiegertochter von Frau Ehrhardt (geb. Hildebrandt) und schaue mir die Bilder vom Haus ihrer verstorbenen Mutter an. Ein gemütliches, kleines, von der Straße zurückgesetztes Häuschen in der Köpenzeile, in Berlin-Köpenick. Auf ca. 80 m2 sind Stube, Schlafzimmer, Küche, Flur und Bad verteilt. In der kleinen Kammer, die scherzhaft „Aldi“ genannt wurde, weil sie alle Vorräte aufnahm, befindet sich eine im Boden eingelassene Klappe, die zu einem heute kaum noch denkbaren Kriechkeller führt. Eine weitere Klappe befindet sich in der Decke zum Dachboden, der einst das Stroh für die Ziegen beherbergte. Es ist kaum vorstellbar, dass in Berlin-Köpenick einst Ziegen im Siedlungsgebiet zu Hause waren. Die Steine für das Häuschen schleppte der Vater von Frau Ehrhardt, Mitte der zwanziger Jahre, aus Berlin nach Köpenick. Der Boden war noch nicht fertig gestellt, als Frau Ehrhardt geboren wurde. Nachdem sie Jahre später flügge geworden war, zog sie vorerst aus dem Elternhaus aus und gründete eine eigene kleine Familie. Doch es war kein Weggang für immer. Ihre Mutter wurde hilfebedürftig und kurz entschlossen zog die junge Familie Ehrhardt wieder in die Köpenzeile ein und wohnte mit drei Generationen unter einem Dach. Es wurde eng, aber gemütlich. Ein auf dem Grundstück befindlicher Bungalow wurde das Heim für den jeweils ältesten Sohn. Dort mussten sie selbst den Kachelofen heizen und dort schrillte eine vom Haus verlegte Klingel, wenn zum Essen gerufen wurde.
Die Schwiegertochter berichtet mir, wie sie seinerzeit ihren Mann kennen lernte und bei Frau Ehrhardt ein neues Zuhause fand. Fast jede freie Minute verbrachten die jungen Leute mit ihren Kindern bei Mutti und wieder waren drei Generationen vereint.
Im Jahr 2009 wandte sich Frau Ehrhardt erstmalig an Herrn Bachmann, weil sie ihr Häuschen verkaufen wollte. Etwas Ungewöhnliches geschah, Herr Bachmann redete ihr den Verkauf aus. Er erkannte schnell, dass Frau Ehrhardt sich nur schweren Herzens von ihrem Garten, ihrem gewohnten Umfeld und ihren freundlichen Nachbarn, die immer gern zu einem Schwätzchen vorbei kamen, hätte trennen können. Er riet ihr, so lange dort zu bleiben, bis sie der Meinung ist, nicht mehr allein dort wohnen zu können und zu wollen.
Unter etwas traurigen Umständen hörte Herr Bachmann 2011 wieder von dem Haus. Frau Ehrhardt war überraschend verstorben. Ein Jahr lang versuchte es die Erbengemeinschaft selbst und mit Hilfe eines Maklers, das Haus zu verkaufen. Erfolglos. Sie erinnerten sich an den Wunsch ihrer Mutter. Wenn Verkauf, dann nur mit Bachmann Immobilien.
Mit Wehmut, aber auch mit Erleichterung, berichteten Sohn und Schwiegertochter, wie schnell und reibungslos der Verkauf innerhalb von 3 Monaten von statten ging. Nur die Erinnerungen sind unverkäuflich.
Ihre Kiez-Reporterin: Frau Klein
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