Kiez-Report Oktober 2003: Seite 5
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„Gründerzeit“ in Mahlsdorf
Vor mir liegt ein Buch. Die Lebensgeschichte der Charlotte von Mahlsdorf, 1928 als Lothar Berfelde in Berlin geboren:
„Ich bin meine eigene Frau“, mit einer Widmung, datiert vom 18. März 1997, ihrem Geburtstag. An jenem Tag vor sechs Jahren stand ich seit den frühen Morgenstunden vor dem Gründerzeitmuseum am Hultschiner Damm 333 zusammen mit Hunderten, allesamt geduldig auf Einlass wartend, in der Hand einen Blumenstrauß für das Geburtstagskind. Es war übrigens eines der letzten Male, dass Charlotte vor ihrer Übersiedlung ins mittelschwedische Porla Brunn die Besucher durch ihr geliebtes Refugium führte.
Hier in dem über 200-jährigen Mahlsdorfer Gutshaus, das seit 1972 unter Denkmalschutz steht, eröffnete Charlotte 1960 zunächst in zwei Räumen ihre private Gründerzeitsammlung, da ihr von den DDR-Oberen die museale Anerkennung versagt blieb. Mit der Zeit kamen immer mehr Exponate dazu, sodass die Ausstellung schließlich bis zu 23 Zimmereinrichtungen umfasste, nicht gerechnet all die Uhren, Kostüme, Öfen und vor allem die zahlreichen Musikmaschinen. Vieles, was sonst ganz sicher auf dem Sperrmüll gelandet wäre, blieb dank des Engagements von „Charlottchen“ der Nachwelt erhalten. So wurde die Adresse am Hultschiner Damm bald zum Geheimtipp für Insider, und Charlotte 1995 für ihr Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Die nach ihrem Weggang verbliebenen Bestände wurden zwar von der Stadt Berlin erworben, doch dass sie auch weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich waren, ist das Verdienst des 1997 gegründeten gemeinnützigen Fördervereins Gutshof Mahlsdorf. Dazu Jens Taschner, einer der stellvertretenden Vorsitzenden: „Wir sind froh, dass es uns gelungen ist, den Besuchern vieles von dem zeigen zu können, was Charlotte im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen hat. Ob die Wohnräume aus der Zeit von 1870 bis 1900, ob die Küche, die Dienstmädchenkammer oder die legendäre ‚Mulackritze’, all das sind wahre Kleinodien, die heute in dieser Komplettheit anderswo nicht mehr zu finden sind.“
Zu besichtigen ist das Museum mittwochs und sonntags von 10:00 bis 18:00 Uhr. Führungen sind nach Vereinbarungen möglich. Und wer an Antiquitäten interessiert ist, sollte nicht die sechsmal jährlich stattfindenden Auktionen des Gründerzeitmarktes versäumen, der seit 1998 ebenfalls im Gutshof sein Domizil hat.
Kiez-Reporter: W. Gudenschwager
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