Kiez-Report Mai 2009: Seite 3
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Das Schicksal eines Bronze-Hirsches
Unlängst hatte ich mich wieder einmal mit Rudolf getroffen. Rudolf? Vor drei Jahren habe ich Ihnen erstmalig von jenem grauhaarigen Mann im neunten Lebensjahrzehnt erzählt. Er stöbert im Landeshauptarchiv und im Preußischen Staatsarchiv in Potsdam. Kein Kreis- und Stadtarchiv ist vor ihm sicher. Viel Neues und Interessantes erfährt er durch die Menschen, denen er ein gern gesehener Gesprächspartner ist. Rudi ist ein interessierter, immer recherchierender und schreibender Berliner, der sich über die Sommermonate in das Brandenburger Exil begibt. Hier in der Schorfheide ist sein Reich. Als Ortschronist von Glambeck hat er viele kleine Geschichten in einem Büchlein zusammen getragen. Fontane war ihm Ansporn, Spuren der Geschichte im Märkischen zu suchen. Nicht die Geschichte von Hubertusstock, die Jagderlebnisse der Herrschenden oder der Kaiserbahnhof nahm ihn in Anspruch. Nein, die Geschichte der kleinen Walddörfer und ihrer Menschen rund um Joachimsthal interessierte ihn.
Ob er mir denn eine solche Geschichte aus seinem Büchlein erzählen könnte, fragte ich. Da war Rudi kaum noch zu bändigen. Die Geschichte vom „Schicksal eines Bronze-Hirsches“ fand ich sehr amüsant.
Viele Leser erinnern sich noch an Bilder aus Hubertusstock in der Schorfheide, wenn Honecker führende westdeutsche Politiker empfing. Immer zierte der vom Tierbildhauer Rusche geschaffene Rothirsch den Eingang des Objektes, das zu DDR-Zeiten nicht für jedermann erreichbar war. Natürlich hatten die Stasi-Offiziere des Objektschutzes Zugang. Und sie fanden Gefallen am Denkmal. Sie bedauerten nur, dass es im falschen Revier stand. Hier jagte Honecker, während ihr Chef, der Minister für Staatssicherheit Mielke, sein Jagdrevier im Wald um Wolletz, Glambeck und Neuhaus hatte. So kamen sie auf die Idee, wenn schon das Original nicht zu versetzen war, wenigstens einen Abguss am Jagdsitz von Mielke in Wolletz aufzustellen. Die Stasileute ermittelten, dass das Denkmal 1904 in der Kunstgießerei Lauchhammer gegossen worden war. Heimlich wurde dort eine Kopie angefertigt. Selbst Experten erkannten den Unterschied zum Original nicht. So konnte auch Mielkes Jagdsitz mit dem imposanten Rothirschdenkmal geschmückt werden.
Nach der Wende, als an vielen Stellen die Symbole der DDR beseitigt wurden, musste natürlich auch dieser Hirsch in Wolletz verschwinden, obwohl er nun wirklich nicht die DDR-Politik zu verantworten hatte. Klammheimlich wurde er zum Eingang des Heimattierparks Angermünde versetzt, wo er heute noch steht. Ein durchaus angemessener Standort. So musste ein bronzener Hirsch für die DDR büßen.
Kiez-Reporter: K.-H. Frenzel
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