Kiez-Report Dezember 2008: Seite 4

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Gewinnspiel


Ein Ort der Mahnung

Eine alte Volksweisheit sagt: Wer die Vergangenheit kennt, kann auch die Zukunft gestalten. Als vor Jahren die Entschädigung der Zwangsarbeiter diskutiert wurde, rückte das brutale Unterdrückungssystem von „Herrenmenschen" und „Sklavenvölkern" erneut in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Neben den 2 Millionen Kriegsgefangenen und etwa 700.000 überwiegend ausländischen KZ-Häftlingen mussten ca. 6 Millionen ausländische Zivilarbeiter für das Deutsche Reich arbeiten.

Welch ein Sarkasmus! Sie mussten denen zur Hand gehen, die ihre Länder überfallen haben, ihre Angehörigen ermordeten und sich ihr Eigentum aneigneten.

Über 400.000 arbeiteten für einen Hungerlohn in Berliner Großbetrieben, in Handwerksfirmen und in Privathaushalten. Die Unterkünfte waren Bootshäuser, Turnhallen und Säle von Gaststätten. Im Großraum Berlin gab es etwa 3.000 Sammelunterkünfte. Nicht wenige der Männer und Frauen lebten in solchen Barackenlagern wie hier in Niederschöneweide. Jede der 10 bis 12 Stuben einer Baracke war für 16 Menschen vorgesehen. Die volle Planzahl von 2.160 Insassen wurde in Schöneweide nie erreicht. Das alles mitten in der Stadt.

Bei meinem Besuch des Areals Britzer/Ecke Köllnische Straße, wo im Auftrag des Reichsrüstungsministers Albert Speer das GBI-Lager 75/76, das Zwangsarbeitslager errichtet wurde, sehe ich meine Erwartungen zunächst enttäuscht.

Viele Fragen gibt es: Ist es der Vergleich mit bekannten Konzentrationslagern? Wie waren die Lagerbedingungen hier? Welchen Nationen gehörten die Insassen an? Welchen Formen von Zwang und Gewalt waren sie unterworfen? U.v.a.m.

Es braucht Zeit, um sich mit dem Vorgefundenen auseinander zu setzen. Mit einer älteren Dame komme ich ins Gespräch. Sie zeigt sich erbost über die Ignoranz, mit der die Geschichte der Zwangsarbeiter verdrängt und ausgeblendet wurde. Erinnerung an das Geschehene fand auch in Schöneweide nicht statt. So kann man hier auch nicht von einem Gedenk- und Erinnerungsort sprechen.

Damit soll die Arbeit der Mitarbeiter nicht geschmälert werden. Im Gegenteil! Sie selbst sehen diesen historischen Ort als ein Dokumentationszentrum. Sie forschen und wissen, dass die Quellenlage außerordentlich schwierig ist. Verlässliche Schilderungen von Zeitzeugen fehlen bislang. Niederschöneweide soll kein Ort des Vergessens werden. Mit dem Aufbau dieses Dokumentationszentrums will man ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte wach halten. Die Stiftung „Topographie des Terrors" ist mit der Errichtung und Betreuung des Zentrums betraut.

Kiez-Reporter: K.-H. Frenzel

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Gewinnspiel

© Bachmann Immobilien 1998-2012

-->